Warum du Stücke verlierst, ohne es zu merken

Es gibt diesen einen Moment, den vermutlich jeder kennt, der Steirische Harmonika spielt. Du holst ein Stück raus, das du vor zwei Jahren mal richtig gut konntest. Du setzt an – und nach acht Takten ist Schluss. Die Griffe sind weg. Du weißt noch genau, wie es klingt. Deine Hände wissen es nicht mehr.

Und dann fängst du wieder an. Zwar nicht bei null, aber vielleicht bei dreißig Prozent. Ein Stück, das du schon mal gelernt hattest, lernst du ein zweites Mal.

Mir ist das mit „I am from Austria“ passiert. Für ein Konzert gelernt, danach ein Jahr liegen lassen – und bei der nächsten Gelegenheit war ich nach der Einleitung raus. Vor Publikum.

Warum du Stücke verlierst, obwohl du regelmäßig übst

Der Grund hat mit Talent oder Fleiß nichts zu tun. Er steckt in etwas, das beim Üben völlig natürlich passiert.

Was Neues lernen fühlt sich nach Fortschritt an. Du merkst jeden Abend, dass etwas besser wird. Ein altes Stück nochmal durchspielen fühlt sich dagegen nach Stillstand an – du kannst es ja schon.

Also greifst du beim Üben immer wieder zu dem, was gerade neu ist. Das ist keine Faulheit, das ist völlig menschlich. Nur liegen die alten Sachen dabei still. Erst ein paar Wochen. Dann Monate.

Und das Tückische daran: Du merkst es nicht. Ein Stück verschwindet nicht von heute auf morgen. Es verblasst langsam, und weil du es ja gerade nicht spielst, fällt es dir auch nicht auf. Bis zu dem Tag, an dem du es wieder brauchst. Beim Stammtisch, beim Geburtstag, auf der Bühne.

Wie das Gedächtnis mit Melodien umgeht

Wenn du ein Stück lernst, entsteht in deinem Kopf und in deinen Händen eine Verbindung. Die ist am Anfang dünn. Jedes Mal, wenn du das Stück wieder spielst, wird sie kräftiger – und hält länger, bevor sie verblasst.

Deshalb braucht ein frisch gelerntes Stück viel öfter eine Runde als eines, das du seit zwanzig Jahren spielst. Beim einen sind es Tage, beim anderen Monate.

Genau daraus ergibt sich, was gegen das Vergessen hilft: alte Stücke regelmäßig anfassen, in Abständen, die immer größer werden. Nicht täglich, nicht lange. Einmal durchspielen reicht völlig.

Wie oft ist „regelmäßig“?

Als grobe Richtschnur, wie ich es für mich handhabe:

  • Griffe sind weg, da geht Arbeit rein – etwa alle vier Tage
  • Holprig, kommt wieder – etwa alle neun Tage
  • Läuft durch, mit kleinen Wacklern – etwa alle zwei bis drei Wochen
  • Sitzt gut, du denkst kaum nach – etwa alle fünf Wochen
  • Sitzt blind, jederzeit abrufbar – etwa alle zwei Monate

Das musst du nicht auf den Tag genau nehmen. Wichtig ist die Größenordnung: Ein wackliges Stück braucht dich diese Woche. Ein sicheres kommt auch in acht Wochen noch klar.

Das eigentliche Problem: Wer soll sich das merken?

Bei fünf Stücken geht das noch im Kopf. Bei vierzig wird es unmöglich. Und die meisten Spieler, die ein paar Jahre dabei sind, haben deutlich mehr zusammen, als sie denken.

Genau hier scheitern die meisten guten Vorsätze. Die Idee ist klar, die Umsetzung ist es nicht. Man müsste sich für jedes einzelne Stück merken, wann man es zuletzt gespielt hat und wie sicher es gerade sitzt. Das schafft niemand nebenbei.

Viele legen deshalb eine Liste an. Ich hatte auch eine, auf Google Drive. Als ich sie nach längerer Zeit mal wieder aufgemacht habe, war da seit Ewigkeiten nichts mehr passiert. Ausgerechnet die Stücke, die ich zuletzt gelernt hatte, fehlten komplett.

Das Problem an so einer Liste ist nämlich: Sie erinnert dich an nichts. Sie liegt da und wartet darauf, dass du an sie denkst.

Drei Sachen, die du ab heute anders machen kannst

1. Nimm dir am Anfang jeder Übe-Einheit ein altes Stück vor

Bevor du dich an das Neue setzt, spiel ein Stück durch, das schon länger still lag. Einmal komplett, ohne Takte zu wiederholen. Das kostet dich drei Minuten und hält über die Monate erstaunlich viel am Leben.

2. Schreib dir auf, wie es gelaufen ist

Ein Wort reicht. „Holprig“ oder „sitzt“. Wenn du das ein paar Wochen machst, siehst du plötzlich Muster – und weißt, welche Stücke dich mehr brauchen als andere.

3. Fang klein an

Der häufigste Fehler ist, am ersten Abend achtzig Stücke aufzuschreiben und danach nie wieder etwas zu machen. Nimm zwanzig, die dir wirklich wichtig sind. Der Rest kommt von allein dazu.

Wie ich das für mich gelöst habe

Nach der Sache mit meiner toten Google-Drive-Liste habe ich mir ein Werkzeug dafür gebaut: Griffbereit.

Der Gedanke dahinter ist simpel. Du trägst deine Stücke einmal ein und schätzt bei jedem ehrlich ein, wie sicher es gerade sitzt. Danach rechnet Griffbereit für jedes Stück einzeln mit, wie frisch es noch ist – und schlägt dir vor, was heute mal wieder dran wäre. Mit jeder sauberen Wiederholung wächst der Abstand bis zum nächsten Mal.

Das Entscheidende dabei ist die Übe-Runde: Ein Stück erscheint groß auf dem Schirm, du spielst es durch, tippst an, wie es lief, das nächste kommt von allein. Du trägst also nichts hinterher nach – du wirst währenddessen geführt. Genau daran scheitern nämlich sonst die meisten Listen.

Griffbereit läuft im Browser auf Handy, Tablet und Rechner, ist kostenlos und deine Stücke bleiben auf deinem Gerät. Ein Konto brauchst du dafür nie.

Was ich beim Bauen gelernt habe

Das Werkzeug ist ehrlich gesagt nicht das Entscheidende. Entscheidend ist die Gewohnheit, nach dem Üben einmal kurz zu sagen, was man gespielt hat. Das dauert eine Minute. Und diese eine Minute macht den Unterschied zwischen einer Liste, die verstaubt, und einem Repertoire, das lebt.

Ob du das mit Griffbereit machst, in einem Heft oder in einer Tabelle, ist zweitrangig. Wichtig ist, dass du überhaupt anfängst, deine alten Stücke im Blick zu behalten. Denn ein Stück zum zweiten Mal zu lernen ist deutlich mühsamer, als es am Leben zu halten.

Und ganz nebenbei ist es ein schönes Gefühl, nach einem halben Jahr zu sehen, was man eigentlich alles kann.


Wie viele Stücke hast du eigentlich zusammen – und wie viele davon könntest du gerade spontan spielen? Schreib es mir gern in die Kommentare. Ich bin neugierig, wie andere das handhaben.